Ich vermisse meine Klamotten: Corona und das „neue“ Normal

Ich schreibe eigentlich nie über persönliche Dinge in diesem Blog. Der Blog soll unterhaltsam und dabei informativ sein. Das alles auf eine (hoffentlich) humorvolle Art und Weise.

Das eine Mal, dass ich hier bisher persönlich wurde war während der Flüchtlingskrise und erntete mir einen Mini-Shitstorm. Seitdem habe ich die Finger vom Persönlichen gelassen.

Das hier ist also eine Ausnahme, bedingt durch diese sehr besonderen Zeiten in denen wir leben.

Gestern Abend habe ich mit meiner besten Freundin gefacetimed, der Begriff ist Denglisch vom Feinsten, ich kann es doch nicht ganz lassen 🙂

Also, ich habe mich mit meiner besten Freundin mittels FaceTime unterhalten. Sie ist Dekanin an der Uni in meiner Heimatstadt in Canada und leitet ihre Fakultät seit März vom Home Office aus (remotely). Nicht nur, dass sie den gesamten Unibetrieb auf Online umstellen mussten, die Uni ist auch von extremen Budgetkürzungen betroffen. Also managt sie gerade eine massive Umstrukturierung, mit allen Folgen inklusive Massenentlassungen, plus den ganzen „Corona Krempel“.

Wir haben schon viel über die Situation seit März miteinander gesprochen. Was das mit uns beiden (und dem Rest der Welt) so macht. Was wir erleben. Wir sind beide sehr müde, aber das deutsche Wort „müde“ beschreibt das Ganze nicht adäquat. Der englische Begriff „fatigue“ passt da deutlich besser.

Das Oxford Dictionary beschreibt „fatigue“ wie folgt:

1. Extreme tiredness resulting from mental or physical exertion or illness. (Extreme Müdigkeit als Folge geistiger oder körperlicher Anstrengung oder Krankheit.)
2. A lessening in one’s response to or enthusiasm for something, caused by overexposure. (Eine nachlassende Reaktion oder Begeisterung für etwas, verursacht durch Überanstrengung.)

Corona-Fatigue ist primär eine Folgeerkrankung einer Covid-19 Erkrankung, der Begriff beschreibt aber, denke ich, sehr treffend was viele Menschen gerade erleben.

Dieses Corona-Ding ist so riesig. Es ist überall und es ist allgegenwärtig. Wir können ihm nicht entkommen, egal wo wir sind. Meine Freundin und ich erleben mehr oder weniger das Gleiche – 8000 km voneinander entfernt auf zwei verschiedenen Kontinenten. Ich höre ähnliches von vielen anderen Menschen die in den unterschiedlichsten Ländern und Verhältnissen leben.

Das „Riesige“ ist das eine, aber mittlerweile sind es die kleinen Dinge die uns so müde machen, denke ich.

Wir, die im Home Office arbeiten, vermissen unsere Klamotten, unsere schicken Schuhe mit der dazu passenden Handtasche. Die Accessoires, den Schmuck, das Tuch…

Auch Männer sagen mir, dass ihnen der elegante Anzug ganz unerwartet fehlt. Sogar der „Halsstrick“ früher vielleicht sogar verhasst, wird mittlerweile schmerzlich vermisst. Für Videokonferenzen trägt man(n) heutzutage ein nettes Hemd/Oberteil und eine Jogginghose. Blazer, Sakkos und schicke Kleidchen gehören der Vergangenheit an.

Es ist seltsam, sich kaum noch zu schminken, vielleicht noch die Augen, aber sonst… frau arbeitet im Homeoffice (working from home) und trägt überall eine Maske. Das macht das einst perfekte Makeup hinfällig.

Der Plausch an der Kaffeemaschine, der Witz durch den Raum geworfen, all diese ganz banalen, früher so alltäglichen Dinge, die fehlen ganz enorm. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich finde „working remotely“ klasse, denke auch, dass das zukünftig eine weiterhin hervorragende Arbeitsmöglichkeit ist, aber, ganz „remote“, nur zuhause, das wird schnell einsam.

Nochmal, ich bin sehr sehr dankbar für die diversen digitalen Möglichkeiten! Die Funktionalität unserer Arbeit, das Sprachtraining, wird dadurch tatsächlich verbessert.

Es ist einfacher, effektiver und effizienter Englisch Online zu trainieren, weil richtig eingesetzte Technik wie virtuelle Klassenzimmer und eine coole eLearning Plattform (die auch was kann!!) so ein Training tatsächlich verbessern können.

Lerntechniken wie Microlearning und Blended Learning, die die besten und schnellsten Lernerfolge realisieren, brauchen digitale Ressourcen um überhaupt eingesetzt werden zu können.

Das ist die positive Seite der Digitalisierung, die soll man auch nicht leugnen.

Es ist das „nur“, das Alternativlose. Ideal wäre, meiner Meinung nach jedenfalls, eine hybride Form des Arbeitens, eine Mischung aus „Home“ und „Office“.

Eine andere Freundin sagte mir letzte Woche, dass sie die Kassierer*innen, die Menschen die in Praxen oder in anderen Bereichen in denen Home Office nicht möglich ist, zum Einen bewundert aber auch beneidet. Sie sagte „die haben noch ihren halbwegs normalen Alltag, das ist an sich schon ein bisschen beneidenswert“. Gleichzeitig ist sie dankbar (und dem schließe ich mich vollumfänglich an), dass sie ihr Infektionsrisiko durch die gedrosselte Interaktion mit anderen relativ niedrig halten kann.

Wir vermissen andere Menschen. Gemeinschaft ist ein Grundbedürfnis, das gerade vor beinahe unmögliche Hürden gestellt wird.

Jetzt wird es wieder persönlich. Wir hatten im Sommer drei Todesfälle in der unmittelbaren Familie. Einer davon war meine Oma, in Kanada. Der Hals-über-Kopf-Flug dahin, entgegen einer geltenden Reisewarnung, in ein Land im Lockdown für das eine Einreisesperre galt, war um es milde auszudrücken, gespenstisch.

Ja, ich habe es noch rechtzeitig geschafft um Lebewohl zu sagen. Es ging um Stunden und das Schicksal war uns gnädig. Danach aber, die Quarantäne, 14 Tage im Haus mit meiner Trauer „eingesperrt“, die „Corona-Beerdigung“ unter Zeltplane, auf dem Friedhof, neben dem Grab, weil „drinnen“ verboten war (der seit Tagen andauernde Dauerregen hat dann tatsächlich für die Beerdigung eine vierstündige Pause eingelegt), das wird mich den Rest meines Lebens begleiten. Masken haben da etwas unerwartet Positives, sie saugen Tränen auf…

Drei Beerdigungen. Keine Umarmung möglich. Abstand halten. Maske tragen. Der Begriff „virtual hug“ (virtuelle Umarmung) bekommt in einer solchen Situation eine ganz andere Bedeutung.

2020 ist ein Jahr der Beerdigungen. Der „virtual hugs“. Der tränennassen Masken. Wir sind „Corona-fatigued“. Wir sehen uns nach Gemeinschaft und Menschlichkeit. Nach einer Normalität die so aber nie wiederkommen wird, egal was passiert. Die Welt hat sich geändert und ändert sich rapide weiter. Dieses „riesige Ding“ nimmt uns in Beschlag, verändert unsere Welt und es verändert uns.

Ich hoffe, dass wir menschlich bleiben, dass diejenigen die jetzt wild um sich schlagen, Lachsmileys unter erschütternde Nachrichten in Social Media setzen, nur verzweifelt sind. Dass sie nicht so gemein sind, wie sie sich zeigen.

Hoffnung keimt mit dem voraussichtlich bald kommenden Impfstoff von Biontech und Pfizer. Mit der Wahl eines US-Präsidenten der menschlich ist und kein „bully“ (bully = jemand der mobbt. Ein Tyrann.).

Ich wünsche mir mehr Mit- und weniger Gegeneinander. Dieses „Ding“ ist so groß, so gewaltig, dass wir es nur gemeinsam bewältigen können.

Ich schließe diesen Artikel mit dem folgenden Spruch (Netzfund):

„In a world where you can be anything, be kind.“
„In einer Welt, in der Sie alles sein können, seien Sie gütig.“

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I miss my Clothes: Corona and the „new“ Normal

I never write about personal things in this blog. The blog should be entertaining and at the same time informative. All this in a (hopefully) humorous way.

The one time I got personal here was during the refugee crisis and that earned me a mini-shitstorm. Since then I have stayed away from anything personal.

So, this is an exception, due to these very special times we’re living in.

Yesterday evening I facetimed with my best friend. She is a dean at the university in my hometown in Canada and has been running her faculty remotely since March. Not only did they have to switch the entire university operation to online, the university is also affected by extreme budget cuts. Thus, they are currently dealing with massive restructuring, including all the inherent consequences such as mass layoffs, plus all the „Corona stuff“.

My friend and I talked about the situation we’ve been dealing with since March. What this does to both of us (and the rest of the world). What we experience. We are both very tired, but the term „fatigue“ describes what we’re feeling much better.

The Oxford Dictionary describes „fatigue“ as follows:

1. extreme tiredness resulting from mental or physical exertion or illness.
2. lessening in one’s response to or enthusiasm for something, caused by overexposure.

The term „Corona fatigue“ primarily applies to a post-Covid-19 disorder, but I think the expression describes very aptly what many people are experiencing right now.

This corona thing is so huge. It is everywhere and it is omnipresent. We cannot escape it, no matter where we are. My friend and I are experiencing more or less the same thing – 8000 km away from each other on two different continents. I hear similar things from many other people who live in different countries and circumstances.

The „huge“ is one thing, but it is the little things that fatigue us so much, I think.

We, who work remotely, miss our clothes, our stylish shoes, the matching purses. The accessories, the jewelry, the scarf…

Men also tell me that they unexpectedly miss the elegant suit. Even the „noose“, perhaps hated in the past, is now painfully missed. For video conferencing in times of Coronavirus you wear a nice shirt / top and sweatpants. Blazers, jackets and fashionable little dresses are a thing of the past.

It’s strange to hardly wear make-up anymore, maybe a bit around the eyes, but otherwise… women work from home and wear a mask everywhere. This makes makeup obsolete.

The chat by the coffeemaker while waiting for a brew, the joke thrown around the room, all these very trite, formerly so commonplace occurrences are things we now miss enormously. Please do not misunderstand me. I think working remotely is great, I also think that this will continue to be an excellent way to work in the future, but only working from home gets lonely very quickly.

Again, I am very, very grateful for the various digital options! The efficacy of our work, language training, is actually improved by these digital opportunities.

It’s easier, more effective and efficient to teach English online, because technology such as virtual classrooms and a cool eLearning platform, properly used can hugely improve the learning process.

Learning techniques like microlearning and blended learning, which achieve the best and fastest results, require online resources in order to function.

This is the positive side of digitalization, and there is no denying it.

The problem is the lack of any alternatives because of the current, Coronavirus induced situation. In my opinion, a hybrid form of work, a mixture of „home“ and „office“, would be ideal.

Another friend told me last week that she admires but also envies cashiers, people working in doctor’s offices or other areas where remote work is not feasible. She said „they still have a more or less normal everyday life, which is a something I actually envy“. At the same time, she is grateful (and I fully agree with this) that she can keep her risk of infection relatively low by reducing her interaction with others.

We miss other people. Community is a basic need that is currently facing almost impossible hurdles.

Now this article becomes personal again. We had three deaths in the immediate family this summer. One of them was my granny, in Canada. The breakneck flight to Canada, in the middle of a travel restriction, to a country in lockdown for which an entry ban was in force, was, to put it mildly, eerie.

Yes, I made it in time to say goodbye. It was a matter of hours and fate was kind to us. But after that, the quarantine, 14 days „locked up“ in the house with my grief, the „Corona-funeral“ under a canvas awning, in the cemetery, next to the grave, because any gathering indoors was not permitted (the continuous rain that had been going on for days actually took a four-hour break for the funeral), that will haunt me for the rest of my life. Masks have something unexpectedly positive about them, they soak up tears…

Three funerals. No hugs possible. Keep your distance. Wear a mask. The term „virtual hug“ gets a completely different meaning in a situation like this.

2020 is a year of funerals. Of virtual hugs. Of tear-soaked masks. We are „Corona-fatigued“. We yearn for community and human kindness. For a „normal“ that will never return, no matter what happens. The world has changed and continues to change rapidly. This „huge thing“ is taking over, changing our world and changing us.

I hope that we remain human, that those who are now flailing wildly, putting emoji smiles under harrowing news in social media, are just in despair. That they are not as cruel as they appear to be.

Hope rises with the news of a vaccine from Biontech and Pfizer, which is expected to be available soon. With the election of a US president who is human and not a bully.

I hope for, I dream of, more cooperation and less hostility. This „thing“ is so big, so powerful that we can only beat it together.

I’d like to conclude with the following quote (author unknown)

„In a world where you can be anything, be kind.“