Fakten zum Sprachenlernen, Teil 1: Was ist „verhandlungssicher“?

Unsere Artikelreihe „Fakten zum Sprachenlernen“ befasst sich mit Themen rund um den Erwerb fremdsprachlicher Kompetenzen:

Teil 1. Was bedeutet „verhandlungssicher“ in einer Sprache?
Teil 2. Wie kann man Sprachkompetenz messen?
Teil 3. Wie lange dauert es, eine Sprache zu erlernen?
Teil 4. Wie lerne ich eine neue Sprache am besten? Was funktioniert? Und was ist Augenwischerei?
Teil 5. Mit welchen Kosten kann ich rechnen?
Teil 6. Fazit.

Anhand aktueller Forschungsergebnisse und meinen eigenen Erfahrungswerten aus über 21 Jahren Leitung der „Englisch nach Maß GmbH“ möchte ich diese Fragen beantworten und eine realistische Erwartungshaltung für den Erwerb von fremdsprachlichen Kompetenzen schaffen.

Teil 1. Was bedeutet „verhandlungssicher“ in einer Sprache?

Folgende Aussagen hören wir häufig in Beratungen und Kundengesprächen:

• „Wir wurden von einer amerikanischen Firma gekauft und sprechen nur Schulenglisch. Wir sind im Englischen nicht verhandlungssicher“.
• „Ich habe einen neuen Job und soll jetzt verhandlungssicher auf Englisch präsentieren“.
• „Wir rekrutieren Fachkräfte im Ausland, die verhandlungssicher Deutsch sprechen müssen“.
• „Wir suchen Mitarbeiter mit verhandlungssicherem Französisch“.

Was bedeutet „verhandlungssicher“ in diesem Zusammenhang?

„Verhandlungssicher“ ist zwar eine häufig verwendete Begrifflichkeit, lässt aber faktisch keine verlässliche Aussage über die tatsächlich erforderlichen bzw. vorhandenen Sprachkompetenzen zu. Eine Definition sprachlicher Kompetenz als „verhandlungssicher“ ist absolut subjektiv und nicht messbar.

Beispiele aus der Praxis:

• Trügerischer Wortschwall: Häufig wird freies, flüssiges Sprechen mit hoher Sprachkompetenz verwechselt. Man denkt, der Wortschwall sei „verhandlungssicher“. Das ist jedoch ein Trugschluss. Es gibt nämlich viele Leute, die frei, flüssig und FALSCH in einer Fremdsprache kommunizieren.

• Langsames, konzentriertes Sprechen: Andere Menschen sprechen langsamer, wägen ihre Worte sorgfältig ab und überlegen gründlich bevor sie sich artikulieren. Das tatsächlich Gesprochene ist dann allerdings überwiegend korrekt. Diese Art der Kommunikation wird häufig als „schlecht“ oder „nicht verhandlungssicher“ eingeschätzt.

Genau hier liegt das Problem mit der Definition „verhandlungssicher“: Sie ist nämlich an keinen messbaren Kompetenzen festgemacht und daher denkbar schlecht als Maßstab für sprachliche Kompetenz geeignet.

Was ist also „verhandlungssicher“, wenn „frei und flüssig sprechen“ kein verlässlicher Indikator von guter Sprachkompetenz ist? Die Antwort folgt im nächsten Blog.

Im nächsten Blog: Wie kann man Sprachkompetenz messen?

Quellen: http://linguistlist.org/ask-ling/lang-acq.cfm, Pecchi, Jean Stillwell. 1994. Child Language. London: Routedge, Bongaerts, T. (2005). Introduction: Ultimate attainment and the critical period hypothesis for second language acquisition. International Review of Applied Linguistics in Language Teaching, pushtolearn.com, Eaton, S. E. (2012). How will Alberta’s second language students ever achieve proficiency? ACTFL Proficiency Guidelines, the CEFR and the “10,000-hour rule” in relation to the Alberta K-12 language-learning context. Notos, 12(2), 2-12, www.state.gov/m/fsi/sls/c78549

2018-09-05T08:33:39+00:00